Auch
wenn es in der Fußball-Bundesliga für
die Frankfurter derzeit nicht gar so gut
läuft, die drei erfolgreichen
Frankfurter Tangospezialisten von „Tango
Transit" haben beim
Jazzclubkonzert, trotz vorherigem langem
Staunachmittag auf der A8, eine Dynamik
und künstlerische Präsenz an den Tag
gelegt, die nur aus einer völligen
Besessenheit heraus, aus bedingungsloser
Liebe zum Tango, zum Jazz, zur Musik
überhaupt erklärbar scheint. Nur aus
dieser Hundertprozent-Einstellung
resultieren echte Siege. Gäbe es eine
Tango-Bundesliga, die drei von „Tango
Transit" wären ganz vorne dabei.
Der
Akkordeonist und Komponist aller Titel
des kurzweiligen Konzertabends, Martin
Wagner, musikalischer Dreh- und
Angelpunkt in stupender Virtuosität
zelebrierter Tangomania, hat hier
offenbar den Nerv der Zeit und des
begeisterten Biberacher Publikums
getroffen. Mit geschlossenen Augen
verklärt lauschend schien die Seele von
Astor Piazzolla durch den gut besetzten
Biberacher Jazzkeller zu schweben.
Dessen Emotionalität und Temperament
gepaart mit Wagners brillanter Griff-
und Balgtechnik auf seinem exklusiven
Victoria-Akkordeon aus der
traditionsreichen italienischen
Instrumentenbaufirma, ermöglichte
Unerhörtes. „Bellow shakes" vom
zarten Vibrato bis zum aufgeregten
Tremolo, rasante Passagen höchster
chromatischer Dichte (à la „Hummelflug")
oder weitgespannte Arpeggien über den
gesamten Tonumfang führten jedoch
keineswegs zur Vernachlässigung
einfühlsamer, sorgfältig modellierter,
oft auch tangogemäß melancholischer
Melodien. Die Inspiration für die
Kompositionen, durchaus nicht nur
Tangos, kam aus allen Lebenslagen.
Formal-rational wie in der „Suite –
Part I-III" oder außermusikalisch
angestoßen wie in „Fat Cat" oder
bei den Frankfurter „Ostpark
Elefanten" blieben auch das
augenzwinkernd spielerische Element („Waltz
for Angie") und weitere nette
Verrücktheiten („Chromasomatic
Lunatic") nicht auf der Strecke.
Bei
aller strukturellen Dominanz des
Bandleaders hätte ohne die beiden
begnadeten Mitstreiter an Kontrabass
(Hanns Höhn) und Schlagzeug (Andreas
Neubauer) Entscheidendes gefehlt.
Differenziert und kraftvoll groovend,
straff und doch meist weit entfernt von
tangotypischer Einfachheit, lebendig,
spritzig und durch viele Soloeinlagen
geadelt, feuerte Andreas Neubauer in
organischer Verwachsenheit mit dem
Ganzen permanent die Spiellust an. Und
ein Kontrabassist, der auch und immer
wieder höchst melodisch agiert, seinem
Instrument eine immens breite Klang- und
Ausdruckspalette entlockt und die Musik
mehr mitlebt als spielt, mutiert vom
Begleiter unversehens zum kongenialen
Komplizen, der Impulse gibt,
dialogisiert, kommentiert. Hanns Höhn
vermochte mit seinem nuancierten Spiel
die Aufmerksamkeit, nicht nur in seinen
meisterhaften Improvisationen, immer
wieder auf sich zu ziehen und trug so
nicht unerheblich zum homogenen
Gesamtbild bei: tangolastiger,
spannender Modern Jazz. Erst nach zwei
Zugaben durften die Hessen von der
Bühne.
Dr.
Helmut Schönecker
Originaltext
für die Schwäbische
Zeitung