BIBERACH
- Volle Pulle „Stubenjazz" vor
vollbesetztem Haus gab es zum Auftakt
des Jazzjahres beim Jazzclub Biberach.
Eine gestandene, sechsköpfige, schon
etwas ältere „Boy Group" um den
Jazztrompeter Michael T. Otto und ein
zünftiges österreichisches Maderl als
singende Frontfrau verbreiteten im
stimmungsvollen Ambiente des Jazzkellers
vom ersten Ton an kurzweiliges
Amüsement und hintersinnigen Esprit auf
seiner haarsträubenden Gewalttour vom
originären deutschen Volkslied zum Jazz
und zur Moderne und auch wieder
zurück.
Dem
begeisterten Publikum gefiel offenkundig
die unerschrockene Herangehensweise der
musikalischen Grenzgänger aus dem
Bodenseeraum. Im älplerischen
Klanggewand erkannten vor allem die
älteren Besucher unschwer die Melodien
einer längst verflossenen
Jugendbewegung, gediegenes und
bewährtes deutsches Liedgut aus der
guten alten Zeit. Lange nicht mehr
Gehörtes ließ erst aufhorchen um sich
dann doch sofort wieder in neuen
Zusammenhängen aufzulösen. Motive und
Melodien, oft mit Ohrwurmcharakter,
tauchten ab, verloren sich im dichten
Klanggeflecht, tauchten wieder auf, um
schließlich gegen den Strich
gebürstet, neu gewandet und von neuem
Leben erfüllt erneut ihre Wirkung zu
entfalten.
Ein
phänomenaler Tonumfang, höchste, fast
instrumental anmutende Virtuosität, ein
natürliches und doch unglaublich
wandelfähiges Timbre sowie eine voll
entfaltete künstlerische Ausstrahlung
ließen Junia Vente zum musikalischen
Zentralgestirn in der Männerriege
werden. Auch wenn der Komponist,
Arrangeur und Flügelhornist Michael T.
Otto unzweifelhaft die musikalische
Führung und Verantwortung inne hatte
und viele wunderschöne, jazztypische
Improvisationen auf seinem
Kuhlo-Flügelhorn beisteuerte, stand die
ebenso charismatische wie unaufdringlich
sympathische Sängerin unangefochten im
Brennpunkt des Geschehens. Ihr
musikalischer Werdegang, nach
klassischem Musikstudium in Österreich,
einigen Semestern Jazzgesang an der
Musikhochschule Mannheim sowie einem
Abschluss am Berklee College of Music in
Boston mit Gesang und Klavier mündete
nach einem weiteren Studium der
Arabistik, Philosophie und
Sprachwissenschaften an der Universität
Wien in der Mitgliedschaft des
renommierten Wiener Kammerchors und im
Arnold Schönberg Chor – und eben auch
in der „Ersten Deutschen Stubenjazz
Combo".
Ein
Glücksfall, nicht nur für die
Stubenjazz Combo, deren musikalische
Erfolgsgeschichte seit fünf Jahren
steil nach oben führt (nächster
Auftritt in der Unterfahrt in München).
Nicht gering zu schätzen sind
allerdings auch die weiteren
Bandmitglieder. Herausragend virtuos am
Knopfgriffakkordeon Harald Oeler,
stilsicher an der Gitarre Johannes
Deffner, der auch eigene Arrangements
beisteuerte, an der Posaune und als
Moderator Uli Binetsch, dessen
musikalische Anfänge als Keyboarder bei
„Tab Two" oder in der „Jazzkantine"
fast schon vergessen sind und
schließlich der grundsolide groovende
Heiner Merk am Kontrabass.
Dr.
Helmut Schönecker