|

Foto
Schönecker
BIBERACH
(sz)
Mit prickelnder Spannung,
kurzweiliger Unterhaltung mit
virtuosen Liedern ohne Worte und höchstem
Musikgenuss könnte man die
Veranstaltung mit den Jazzmusikern
Michael Riessler und Jean-Louis
Matinier beschreiben. Der
Biberacher Jazzclub lud am
Wochenende dazu ein.
Wie
aus dem Nichts kommende Klänge
formten sich aus Michael Riesslers
Bassklarinette im Pianissimo zu
anmutigen, weit gespannten
Melodien. Satte, schmatzende
Tiefen, lyrisch-kantable Mitten,
durchscheinend-duftige Höhen
kennzeichneten den Klang des eher
selten gespielten Instrumentes,
das Riessler nicht nur souverän
beherrschte, sondern dessen
Grenzen er gleichsam sprengte. Ein
durch Flageolett- oder Überblastechniken
erweiterter Tonumfang gehörte
ebenso zu seinem Repertoire, wie
ein durch zusätzliches
Hineinsingen "à la
Mangelsdorff" in die
Mehrstimmigkeit überführter
Klang, der mittels alternativer
Tonerzeugungstechniken durch
Klappengeräusche aufgebrochen
wurde.
Gerade
eben noch verträumt,
melancholisch, meditativ versunken
erfolgte im nächsten Moment |
ein
unvermittelter Ausbruch in rasante
Unisonopassagen, aus deren
vertrackten Synkopenakzenten sich
übergeordnete metrische und
melodische Strukturen erhoben.
Barock oder klassisch anmutende
harmonische Begleitstrukturen aus
schnellen, gebrochenen Dreiklängen
standen neben impressionistischen
Klangflächen oder
amorph-aphoristischen
Motivsplittern, die die Musik
gewissermaßen atomisierten, um
sie danach wieder neu
zusammenzusetzen.
Musiker
verbinden Musikstile
Zusammen
mit seinem französischen
Mitstreiter Jean-Louis Matinier am
Knopfgriff-Akkordeon gelangen dem
genialen "Paganini der
Bassklarinette" exquisite
musikalische Preziosen von künstlerischer
Eigenständigkeit, ja
Einzigartigkeit. Stringente
Unikate, Eigenkompositionen mit
einer gewaltigen stilistischen
Bandbreite durch alle Epochen und
Genres, die selbst vor
folkloristischen Einschlägen
nicht gefeit waren, verbanden
Versatzstücke barocker
Instrumentalkonzerte,
Orgelmeditationen auf dem
Akkordeon mit swingenden oder
bluesartigen oder
lateinamerikanischen Passagen.
Das
Ganze war immer wieder durchsetzt
mit modernen, akkordeontypischen
schnellen Balgwechseln, die auch
einer subtilen Tongestaltung
zugute kam. Bei aller Virtuosität
und bei allem Temperament blieb
jedoch in Riesslers und Matiniers
exklusiver Musik immer eine
gewisse intellektuelle Unterkühltheit
spürbar, die formale Konstruktion
schimmerte durch, Transparenz und
Transzendenz blieben gewahrt:
anspruchsvolle, klassische
Moderne, gelegentlich mit leichtem
Jazzeinschlag, professionell
dargeboten. Das Publikum war
begeistert.
Originaltext:
Dr. Helmut Schönecker
Redigiert:
Schwäbische Zeitung 28.04.2009
|