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BIBERACH
- Dreistellige Publikumszahlen
finden sich im Jazzkeller nicht
alle Tage. Zumal Jazz immer noch
vielfach als elitäre Musik für
eingefleischte Fans gilt. Der
georgische Tastenmagier, der am
vergangenen Freitag in Biberach
zum wiederholten Male zauberhafte
Fusionen aus Jazz und Klassik zu
Gehör brachte, spricht jedoch
mittlerweile einen breiten
Fankreis an, nicht nur in
Biberach, nicht nur im Umfeld der
Telawifahrer. Paata überrascht
und begeistert immer wieder aufs
Neue.
Paata
Demurishvili, dessen pianistische
Grundlagen noch in der russischen
Klassikschmiede gelegt wurden,
nutzte die neugewonnene Freiheit
nach dem Ende der Sowjetära um
Brücken zum Jazz zu bauen. In der
Improvisationskunst des Jazz hat
er die künstlerische Freiheit und
seine neue musikalische Heimat
gefunden, hier wird wirklich Neues
geschaffen und nicht nur das Alte
konserviert. Als mächtiger
Improvisator, der mit seiner
Spontaneität heute seinesgleichen
sucht, findet er immer neue Wege,
die Tradition klassischer,
auskomponierter Klaviermusik aus
dem Geiste des Jazz neu zu
erfinden. Dabei ist es für ihn
sekundär, ob die Inspiration aus
Barock, Klassik oder Moderne
erwächst. Paata kann seine
schöpferischen Ideen ebenso aus
Gershwins „Summertime" oder
aus Bachs Kantate über „Jesu,
bleibet meine Freude" und
natürlich auch aus georgischer
Folklore ziehen. |
Sein
Zugriff ist immer originär, weil
er die konstitutiven Elemente
seiner Vorlagen – melodische
Formeln oder Ganztonleitern beim
modernen Klassiker Gershwin,
harmonische Wendungen, Motive oder
den polyphonen Duktus bei Bach –
aus dem Augenblick heraus neu
strukturiert, weiter entwickelt,
kombiniert, karikiert und
parodiert.
Natürlich
fährt der in Mannheim lebende
Musiker dabei immer volles Risiko.
Nicht immer sind die Ideen oder
auch die Ausführung gleich
genial. Ein positives Feedback aus
dem Publikum steigert jedoch die
Motivation und Inspiration und
macht somit, wie der Künstler in
seiner sympathischen,
gestenreichen Moderation anmerkte,
jedes Konzert zu einem Unikat,
unwiederholbar, authentisch,
original. Welch wohltuende
Alternative zu immer wieder in
gleicher Weise abgenudelten
Plagiaten oder gar am Schreibtisch
mit minimalistischer musikalischer
Substanz aber gewaltigem
Technikeinsatz konstruierten
Hochglanzprodukten für den
Massenmarkt.
In
Paatas musikalischen Preziosen
findet sich ebenso Platz für
Feinsinniges, Subtiles, in
feinsten Nuancen Schattiertes oder
auch in schlichten Kantilenen
dahin Strömendes wie auch für
mächtige Klang- und
Akkordgebäude, vollgriffig
Dramatisch-Ekstatisches in
Rachmaninow-Manier: Ein Universum
an Ausdrucksmöglichkeiten,
welches schier unerschöpflich zu
sprudeln scheint. Wann spielt er
wieder in Biberach?
Dr.
Helmut Schönecker |