|
22.
September 2006 im Jazzkeller Biberach
Oldtime Blues & Boogie Duo im Jazzkeller
Blues und Boogie - Routiniers gehen
unter die Haut
Alte
Bekannte und bewährte Erfolgsmodelle im
Jazz sind offenbar nicht automatisch
auch sichere Garanten für ein volles
Haus im Jazzclub Biberach. Mitreißender,
emotionsgeladener Blues und Boogie
Woogie vom „Oldtime Blues & Boogie
Duo“ mit Ignaz Netzer an Blues Harp,
Stimme und Gitarre sowie Thomas Scheytt
am Piano, ließ die etwas schüttere
Publikumskulisse jedoch schnell in
Vergessenheit geraten.
Die beiden Katzenliebhaber vermochten es
nicht nur, ihren begeisterten Zuhörern
eindrucksvoll zu vermitteln, welche
Aufregungen und Stimmungen sich aus dem
Zusammenleben mit dem Kater „Nero“
oder der Katze „Bessy“ ergeben können,
sie gaben gleichzeitig einen
authentischen Einblick in das, was den
guten Blues seit seinen Anfängen vor über
100 Jahren auszeichnet: Er gibt wie
keine andere Musikgattung einen Spiegel
der Seele des Interpreten ab, vermittelt
echtes, tiefempfundenes Lebensgefühl.
Die locker-launigen Moderationen von
Altmeister Netzer wirkten dabei wie
Gebrauchsanleitungen zum verständigen Hören.
Dies war auch insofern durchaus
hilfreich, als die überwiegend
blues-lastigen Musiknummern
mitunter so angenehm, gefällig oder
melancholisch daherkamen, dass durchaus
die Gefahr bestand, sie in den nur
unterhaltsamen Untergrund zu verdrängen,
gänzlich abzuschalten und sich kritik-
und bewusstlos auf Wolke 7 davontragen
zu lassen. Die professionelle Abgeklärtheit
und feinsinnige Ironie des Heilbronner
Bluesspezialisten mit seinem erdigen
Blues-Gesang, der Mundharmonika und
Gitarre virtuos kombinierte, ließ einen
aber die Bodenhaftung niemals ganz
verlieren. Netzer zog in einer Art
musikalischen "Fair-plays"
auch die enthusiastisch-entrückten Fans
nicht über den Tisch.
Thomas Scheytt aus Freiburg war am
Freitagabend vor allem der „dienstbare
Geist“, der mit seiner stupenden
Spieltechnik und mit viel
Fingerspitzengefühl die ungewöhnliche
Mixtur aus Gitarre und Piano sensibel
klanglich auslotete, niemals nur
duplizierte, sondern immer sinnvoll ergänzte,
Kontrapunkte setzte, begleitete und
stimulierte. Dass er auch ganz anders
kann, kraftvoll, zupackend, virtuos, hat
er in mehreren Soloeinlagen
eindrucksvoll vorgeführt. Nicht ohne
mehrere gern gewährte Zugaben durfte
das seit 20 Jahren praktizierende Duo
wieder von der Bühne.
Dr. Helmut Schönecker
|