International
MTO-Quartett
in
bester Spiellaune
BIBERACH
- Nur weil ein Termin in der
Süddeutschland-Tournee des
Jazzquartetts kurzfristig ausgefallen
war, kamen die Biberacher Jazzfans
unverhofft in den Genuss einer
exklusiven Darbietung auf höchstem
internationalem Niveau. Um den
Ausnahmetrompeter Michel T. Otto aus „LA"
fanden sich der renommierte Jazz-Pianist
Olivier Hutman aus Paris, Andy McKee,
Top-Bassist und langjähriger Leiter der
Mingus Bigband in New York sowie der
experimentierfreudige Grazer Drummer
Bernd Reiter unversehens zwischen den
süddeutschen Jazzhochburgen Stuttgart,
Kempten und Augsburg in Biberach
wieder. Dass „LA" für
Langenargen steht, tat der
internationalen Klasse des Trompeters
keinen Abbruch.
Mit
frischen Songs aus dem Debut-Album des
Quartetts „New German Timbres"
oder einer gerade neu entstehenden
CD-Produktion, allesamt
Eigenkompositionen von Michael T. Otto
oder Bearbeitungen und Improvisationen
über deutsches Liedgut, lieferte das
Quartett im Biberacher Jazzkeller den
überzeugenden Beweis dafür, dass
moderner Jazz eine lebensvolle, pralle
Musik mit gewaltiger Integrationskraft
ist. Wer etwa hinter dem alten deutschen
Volkslied „Ich hab die Nacht
geträumet" aus dem 18. Jahrhundert
eine modale, etwas schwermütige
Volksweise vermutet, liegt zwar nicht
ganz falsch, findet sich aber mit dem
gleichnamigen Titel vom MTO-Quartett
nicht automatisch zurecht. Die Kunst,
quasi aus jeder Vorlage originären Jazz
machen zu können, spricht
gleichermaßen für den Jazz als
lebendige Kunstform als auch für die
hoch entwickelten künstlerischen
Fähigkeiten der vier Musiker.
Die
„German Timbres" finden sich
nicht nur in der Verwendung
traditionellen deutschen Liedgutes,
sondern besonders auch in der Spielweise
Michael T. Ottos. Ist es die expressive,
„sprechende" Tongebung seines
Kölner Hochschullehrers Malte Burba,
durch dessen Hände auch andere deutsche
Toptrompeter wie Joo Kraus oder Till
Brönner gegangen sind, oder sind es die
multiphonen Klänge in der Tradition
eines Albert Mangelsdorff, sind es die
selbst für Trompete ungewöhnlich hohen
Pfeiftöne, die Zirkularatmung, die
virtuosen 16tel-Passagen oder nur der
einschmeichelnde Sound seines
Flügelhorns? Technisch versiertere oder
musikalisch komplettere Trompeter finden
sich heute in Europa jedenfalls nur
wenige.
Die
musikalische Eigenständigkeit der
Kompositionen lebt allerdings im
MTO-Quartett auch ganz stark von den
musikalischen Mitstreitern, die sich im
Biberacher Jazzkeller auch vor weniger
zahlreichem Publikum allesamt
hochmotiviert und souverän zeigten, die
Spielfreude war mit den Händen zu
greifen, das Sonderkonzert ein
künstlerischer Gewinn.
Dr.
Helmut Schönecker