Lyric
Jazz mit
Wolfgang
Lackerschmid & Stefanie Schlesinger
Musikalisch-poetische
Aphorismen –
raffiniert
gewürzt und sinnlich dargeboten
BIBERACH
- Die Biberacher Stadtbücherei wurde am
Freitagabend in einer Veranstaltung des
Jazzclubs zum Musentempel an der
Schnittstelle zwischen Musik und
Literatur. „Lyric Jazz", vom
renommierten Augsburger Künstlerpaar
Wolfgang Lackerschmid (Vibraphon,
Komposition) und Stefanie Schlesinger
(Gesang, Komposition) mit lyrischen Texten
von Brecht, Rilke, Lüpertz, Dempf und –
etwas weniger lyrisch – von Mozart mit
der Ausdruckstiefe und dem Anspruchsniveau
von Kunstliedern dargeboten, erfreute und
begeisterte ein bunt gemischtes, illustres
Publikum im überaus passenden Ambiente
des alt-neuen Gebäudes inmitten von
Literatur und Vergeistigung.
Geistigem
Kraftfutter gleich inspirierten die
vitalen Konzentrate von Brechts „Pflaumenbaum"
oder dem „Plärrerlied" über das
von ihm eher ungeliebte Augsburger
Volksfest in der poetischen Brechung ihrer
Neuvertonung mit ähnlicher Wucht und
Wirkungsmächtigkeit wie zu ihrer
Entstehungszeit. Kraftvoll und
überzeugend, sublim und humoristisch
kamen auch die von Peter Dempf
neugetexteten und von Lackerschmid
vertonten Nummern aus der aktuellen
Inszenierung des Augsburger „S’ensemble-Theaters",
dem Musiclett „Jetzt ist er tot, der
Hund" über die Liebe zwischen Bert
Brecht und Paula Bannholzer mit Stefanie
Schlesinger in der Hauptrolle. Die von
Stefanie Schlesinger anmoderierte Nummer
über die Verbannung von Paula ins
Allgäuer Kimrazhofen, das nach deren
Brief an Brecht „vom Nabel der Welt so
weit entfernt ist, wie der große Zeh vom
Verstand" bot einen amüsanten
Einblick in die Kompositionswerkstatt des
Duos. Sprachklang, -rhythmus und -melodie
geben der musikalischen Idee im Rahmen des
gewählten Genres Form und Gestalt. Die
anfängliche „Ladehemmung" bei der
Vertonung des Wortes „Kimrazhofen"
löste sich schließlich unter dem
Zeitdruck der bevorstehenden Aufführung
in einer jazzigen Persiflage im
schwäbischen Sprachidiom in
augenzwinkerndes Wohlgefallen auf.
Köstlich
auch die freche Vertonung von Mozarts
letztem Brief an sein Augsburger Bäsle,
„Bäsle Adieu", von Stefanie
Schlesinger. Die deftige Sprache („Sauschwanz
von Drecken") des genialen
Komponisten mit den Augsburger Wurzeln
löste durch ihre Vertonung auch eine
gänzlich neue Sichtweise auf viele andere
Kompositionen Mozarts aus, unmittelbar
demonstriert durch Lackerschmids
eigenwillige Adaption der Cherubino-Arie
aus Mozarts „Figaro" für Vibraphon
und Stimme. Und was für einer Stimme. In
einer Mixtur aus Jazz & Kabarett mit
lyrisch-warmem Sopran-Timbre
interpretierte die auch in klassischem
Gesang ausgebildete Stefanie Schlesinger
die berühmte Hosenrolle unter völligem
Verzicht auf große Opernattitüde in
sympathischer, ganz natürlich wirkender,
nuancenreich differenzierter
Expressivität, in erfrischender Weise
gegen den Strich gebürstet.
Als
Zugaben gab es schließlich noch eine
Hommage ans traditionelle Jazzpublikum mit
Irving Berlins Jazzklassiker „Cheek to
cheek" und Antonio C. Jobims „Dindi"
in urbaner Weltläufigkeit à la Ritz nach
Mitternacht zu hören, genau das Richtige
zum entspannten Loslassen.
Dr.
Helmut Schönecker