|
Erlesene
Fingerfood-Kreationen der
Vorstandsmitglieder des Biberacher
Jazzclubs, exquisite Rezitationen
kulinarischer Texte von Laurence
Schneider und bestens darauf
abgestimmte Kompositionen und
Improvisationen von Jochen Feucht
(Saxophon, Bassetthorn) und Karo Höfler
(Kontrabass) haben im
Veranstaltungsraum der Stadtbücherei
die Erwartungen von Publikum und
Veranstaltern mehr als erfüllt.
Die
fachkundige Auswahl literarischer
Texte über die verschiedenen
Aspekte des
Essens und Trinkens, vom
Grießbrei über rohe Zwiebeln zu
frischen Feigen im ersten Teil
sowie vom unerfahrenen Weinsäugling
zum erfahrenen Weinkenner im
zweiten Set, fand unter dem Motto
"Genuss mit Schuss" auf
einer ersten kulinarischen
Grundlage aus liebevoll
zubereiteten Häppchen eine
vortreffliche Entsprechung in der
sensiblen und kreativen
musikalischen Umsetzung all dieser
Aspekte.
Hatten
die ersten Besucher noch den
leichten Rauchgeruch des Büchereibrandes
in den feinen Nasen, wurde dieser
alsbald durch würzigen Räucherlachs-
oder deftigen Knoblauchduft aus
der Fingerfood-Abteilung überdeckt.
Nach einem knappen musikalischen
Aperitif von Henry Texier
(Solo-Saxophon) rezitierte
Laurence Schneider das
"kulinarische
Liebeslied" des österreichischen
Schriftstellers Hermann Broch,
kommentiert und stimuliert durch
freie Klangimprovisationen von
Jochen Feucht und Karo Höfler.
Das "Lied vom Grießbrei",
dessen Autorin Keto von Waberer
darin durchaus autobiographische
Tiroler Kindheitserlebnisse in
einer heilen Internatswelt (mit
viel Grießbrei?) verarbeitet,
wird durch einen verqueren "Turnaround"
des Jazzopas und einstigen
Revoluzzers Ornette Coleman
konterkariert. Die inneren
Gemeinsamkeiten zwischen dem |
einem
sich vor lauter Gestank
abwendenden Herrgott im
Deckenfresko und dem nachfolgenden
Kontrabasssolo erschlossen sich
nicht so leicht, waren wohl eher
metaphysischer Art. Erst in der
Abfolge der weiteren Texte
von Eduard Mörike
("Alles mit Maß"),
Gottfried Keller ("Pankraz
der Schmoller") und Walter
Benjamins ("Frische
Feigen") in der Kombination
mit Kompositionen
("Kardamom") und
Improvisationen von Jochen Feucht
wird deutlich, dass hier der Weg
vom edlen, maßvollen Genießer
zum sinnlich enthemmten, zur Völlerei
neigenden Schlemmer nachgezeichnet
wird. Die Zwiebelblähungen lösen
sich organisch und klangvoll auf
durch das krampflösende Kardamom
und nach maßvollen Genuss ohne
Reue werden zur Belohnung als
Nachtisch frische, süße Feigen
gereicht.
Nach
einer lukullischen Pause spielte
Jochen Feucht das musikalische
"Welcome" zum goldflüssigen
zweiten Set. Franz Josef
Degenhards "Weintrinker"
und Egberto Gismontis Komposition
"Aqua e Vino", Herders
"Die Rebe richtet sich vom
Boden auf", Texte und Musik
zu "Don Quijote" sowie
einige "vinerable"
Anekdoten über alte Meister der
Musik ließen die drei Akteure auf
der Bühne zur Hochform auflaufen.
Laurence Schneider schmatzte und
schlürfte theatralisch im Takt
ihrer an Metaphern reichen Texte
(unnachahmlich dabei das entrückte
Schlürfen roter Krabbenschwänzchen),
die beiden Musiker swingten locker
mit Thelonius Monk oder groovten
zupackend in Jochen Feuchts
Kompositionen "meje" zu
"Papaya und abgefahrenen
Autoreifen" (René Freund)
oder Oskar Meyer-Elbings
"Goldene Regeln für Weinsäuglinge",
ein köstlicher Schmaus für
Geist, Leib und Seele. Solche
Kooperationen dürften öfter
stattfinden.
Dr.
Helmut Schönecker
Originaltext
für die Schwäbische
Zeitung |