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Außerordentlich
Spannendes war beim
Jazzclubkonzert mit dem
"Ensemble DRAj"
angesagt: Jiddischer Klezmer in
rein deutscher Besetzung, ganz
ohne jiddische oder israelische
Wurzeln, im jahrtagsträchtig
bedeutungsschweren November, in
einem Tempel der
Unterhaltungsmusik und des Jazz,
nur Gesang, Akkordeon und Cello
– sonst nichts. Das hätte auch
schief gehen können. Gleich ein
ganzer Zugabenblock bewies, dass
dem aber nicht so war.
Bereits
die ersten anmutigen Celloklänge
von Ludger Schmidt oder die zarten
Töne aus der tiefsten Seele des
schon etwas angejahrten Akkordeons
von Ralf Kaupenjohann ließen
bereits erahnen, dass es bei den
konzertanten Angelegenheiten des
"Ensemble DRAj" vor
vollem Hause um hochsensible
Emotionalität, um feinfühlige
musikalische Annäherungen an das
fragile Sujet in Respekt und Würde
gehen würde. Bei diesem Klezmer
wurde nicht einfach drauflos
plagiiert und eine
temperamentvolle, ja
leidenschaftliche Musik zu bloßen
Unterhaltungszwecken im
kulturellen Niemandsland
umfunktioniert.
Spätestens
als die Sängerin und agile
Hauptakteurin des Abends ihre
Stimme erhob, waren alle Zweifel
weggewischt, nichts kulturell
Authentisches geboten zu bekommen.
Durch den stiltypisch offenen
Stimmsitz und die bei aller
stimmlichen Virtuosität sehr natürliche
Stimmgebung, korrekte Aussprache
und höchst überzeugenden
Ausdruck in Verbindung mit einer
souveränen Moderation und augenfälliger
Bühnenpräsenz brachte die
exzellente Manuela Weichenrieder
den Klezmer als integeres
Lebensgefühl einer großen Kultur
auf den sprichwörtlichen Punkt. |
Dies
war allerdings auch zwingende
Voraussetzung für die genreübergreifende
künstlerische Auseinandersetzung,
die sich vor allem in den
komplementären Begleitstimmen von
Cello und Akkordeon manifestierte.
Immer wieder gelang es den beiden
kongenialen Musikern Ludger Schmid
und Ralf Kaupenjohann Kontraste zu
setzen, zu verstärken, zu
kommentieren, zu illustrieren, zu
verdeutlichen und damit eine
lebendige stilistische
Auseinandersetzung herbeizuführen.
Die bildhaften Texte der
jiddischen Lieder (wie etwa den
heimwehgeplagten Sänger, der sich
auf den roten Strahlen der
Abendsonne, die sich auf den Blättern
einer Birke brachen, in die Heimat
zurück tragen ließ) waren dabei
willkommene Inspirationsquelle für
eine ganz und gar unkonventionelle
Begleitung.
Trotz
aller genretypischen Anleihen im
Klezmer und trotz aller
Textausdeutung wiesen die
Instrumentalparts eine hohe künstlerische
Eigenständigkeit unter Einbindung
weiterer zeitgenössischer
Musikrichtungen auf und
demonstrierten dabei immer wieder
große Nähe zum nach allen Seiten
offenen europäischen Jazz der
Gegenwart. Der Klezmer des "Ensemble-DRAj"
ist eine spannende Musik, die auch
und gerade in ihren eher
melancholischen und nachdenklichen
Teilen zu schlagender Intensität
findet, das Publikum fesselt und
rundum überzeugt.
Dr.
Helmut Schönecker, Originaltext für
die Schwäbische Zeitung,
Nov. 2009 |