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Mit einer
schlichten Tonrepetition im
feinsten Pianissimo, wie aus
weiter Ferne, begann eines der
ungewöhnlichsten Konzerte der
letzten Jahre im Biberacher
Jazzkeller als Kooperation
zwischen Partnerschaftsverein,
Kulturamt und Jazzclub. Eine
Variation über Johann Sebastian
Bachs bekannte Choralbearbeitung
„Jesu, meine Freude“ entführte
die in Scharen gekommenen Zuhörer
in eine fantastische musikalische
Parallelwelt, in welcher der
barocke Meister noch zu leben
schien und als mächtiger
Improvisator komplexe polyphone
Werke aus dem Stegreif schuf.
Versatzstücke aus den
verschiedensten Epochen einschließlich
des 20. und 21. Jahrhunderts
verschmolzen unter dem
gestalterischen Zugriff des in
Deutschland lebenden georgischen
Tastenkünstlers Paata
Demurishvili zu einem ebenso ungewöhnlichen
wie wunderschönen Konglomerat
zeitloser Musik. Bereits mit dem
zweiten Stück öffnete der in
Mannheim unterrichtende
Klavierprofessor mit Duke
Ellingtons „Caravan“ eine neue
Seite in seinem Stil-Multiversum.
Noch in den leisesten Passagen
fein strukturiert und dynamisch
binnendifferenziert, begann der
Steinway unter dem höchst
kantablen Spiel seines Meisters
traumhaft zu singen. Er sang von
fremden Welten, in denen Flügel
wie vielstimmige
Symphonieorchester klingen,
disparate Stilrichtungen wie
Klassik und Jazz sich in
dialektischer Synthese
zusammenfinden, hektische
Mitteleuropäer in relaxter
Melancholie versinken und
scheinbar so verschiedene
kulturelle Welten wie die
Georgiens und Deutschlands sich im
ästhetischen Einklang wieder
finden.
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Für
Verblüffung sorgte zunächst die
Ankündigung Demurishvilis, nach
der Pause ein Wunschkonzert geben
zu wollen. Das Publikum möge doch
bitte seine Wünsche äußern. Aus
den vielen eingegangenen Vorschlägen
wählte der selbstbewusste Künstler
dann acht Nummern aus und
improvisierte in einer Weise
drauflos, die den Atem stocken ließ.
Die deutsche Hymne wurde, von
allem überflüssigen Pathos
entkleidet, zu einer groovigen
Jazznummer mit einem Schuss
lateinamerikanischer Rhythmen und
gar nicht so leisen Anklängen an
Pippi Langstrumpf, die Liedwünsche
der georgischen Gäste wurden zu
einer feinsinnigen Melange aus
Folkloreseligkeit und
musikalischem Spaß, das c-Moll Präludium
aus dem wohltemperierten Klavier
von Bach geriet zu einem sublimen
symphonischen Werk genialischer
Unerhörtheit. Über der
Grundfolie des oft als Nähmaschinen-Präludium
geschmähten Klavierstückes
brachen immer wieder,
stilistischen Eruptionen gleich,
anachronistisch kontrastierende
Strukturen hervor, die Bachs
virtuose Dreiklangsstudie in einen
völlig neuen, ungleich größeren
Sinnzusammenhang stellten. Einer
Karikatur gleich erschienen in
diesem ungewöhnlichen Opus auch
einige Einsprengsel des nach Moll
gewendeten berühmten C-Dur-Präludiums
von Bach, das Charles Gounod, mit
einer eingängigen Melodie
versehen, zum Ave Maria „verschlagert“
hat. Klang hier gar so etwas wie
augenzwinkernde Selbstkritik über
das ungenierte Filetieren schöner
Stellen der Musikgeschichte an?
Sei’s drum. Es hat eine Menge
Spaß gemacht und hohe Standards
gesetzt.
Dr.
Helmut Schönecker
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