|

Foto Schönecker
Süddeutschlandpremiere:
Blue
Honky Tonk mit Überraschungsgast im
Jazzkeller
Unverbrauchter
Cross-Over Boogie-Woogie aus dem Wilden
Osten
„Schnee von gestern“, dürfte
die vorherrschende Aussage zahlreicher
Boogie-Woogie Gegner gelautet haben.
Diese sind dann allerdings auch gar
nicht erst beim Konzert mit „Blue
Honky Tonk“ aus Dresden im
Biberacher Jazzkeller erschienen. Wer
jedoch dabei war, weiß es jetzt besser:
Es gibt einen direkten Weg von den
1920er Jahren in unsere Zeit, und er heißt
„Blue Honky Tonk“.
Dass die Liebe Grenzen überwindet
ist eine alte Weisheit. Dass die Liebe
zur Musik auch unvereinbar scheinende
musikalische Gegensätze verbinden und
selbst aus den abenteuerlichsten
Stilkombinationen noch neue Kräfte schöpfen
kann, nachdem doch ganze Heerscharen von
Sinn suchenden Musikern den leergefegten
Markt schon unzählige Male abgegrast
haben, ist zumindest überraschend.
Die agilen Jungs aus dem Osten
mit ihrem Überraschungsgast, einer
musikalisch wie optisch reizvollen
jungen Dame namens Manuela Kreĉek,
die unverkennbar den Blues in ihren
Genen trug, boten einen unverfälschten
Zugang zur längst überholt geglaubten
Tradition der goldenen Zwanziger.
So weit, so tüchtig, so gewöhnlich.
Genau dies tun schließlich seit über
80 Jahren viele andere, selbst studierte
und technisch brillante Musiker auch. Für
eine gute Stimmung sorgt der
pianistische Tanzblues in seinem überschaubaren
Formenkanon allemal und staunende
Bewunderung für das virtuose
Tastengeklingel gibt es vom Publikum
gratis. Wenn es die junge Formation
„Blue Honky Tonk“ mit Matthias
Rethberg am Piano und Stephan Heisigs am
Schlagzeug dabei belassen hätte, wäre
der erste Gig im Süden Deutschlands
vielleicht auch schon der letzte
gewesen. So aber darf man sicher sein,
von dem neuen Gespann noch einiges zu hören.
Die scheinbar beiläufige
Integration eines Bach’schen Präludiums
aus dem Wohltemperierten Klavier in eine
unverschämt gut und souverän groovende
Eigenkomposition des Pianisten und
Bandleaders war eines der sinnfälligsten
Beispiele der beherzt-offenen und
ungeniert direkten Vorgehensweise des
sympathischen Quasi-Trios. Unversehens
in der Tradition eines „Jacques
Loussier“, der mit seinem „Play
Bach“ auch heute noch großen Anklang
findet, blieb „Blue Honky Tonk“ auf
dieser Stufe jedoch nicht stehen. Nicht
das berühmte Original eines anderen gewürzt
mit ein paar eigenen Zutaten, eine völlig
neue, eigenständige Komposition lag
hier vor, eine Komposition, die sich künstlerisch
mit der Tradition auseinandersetzt und
dabei ab und zu eben auch einige
Versatzstücke an die Oberfläche spült,
nur um diese sofort wieder in den
aktuellen Gestaltungsprozess
einzubringen. An anderer Stelle war es
die Montage von traditionellen
Boogie-Rhythmen à la Jelly Roll Morton
mit modernen hiphop-artigen Drum-Grooves,
die eine ästhetische Auseinandersetzung
erzwang.
Alles
in allem wirkten die drei jungen Künstler
trotz vielstündiger Anreise erfreulich
frisch und unverbraucht, sympathisch,
offen, mitreißend und dennoch mit
Tiefgang, und so durften sie auch nicht
ohne die erhofften Zugaben wieder von
der Bühne herunter.
Dr. Helmut Schönecker
Schwäbische
Zeitung, 27. Juni 2007
|